Welche Vorstellungsgespräch-Fragen sind eraubt und welche nicht ?

Von: Dr. jur. Jan Martin Strosing

 

Nicht alle Fragen im Vorstellungsgespräch sind erlaubt

Nicht alle Fragen beim Vorstellungsgespräch sind erlaubt. Zwar hat der Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse daran, möglichst viel über einen Bewerber zu erfahren, um eine solide Entscheidung bei der Stellenbesetzung zu treffen. Auf der anderen Seite schützt die Rechtsordnung das Recht des Bewerbers auf informationelle Selbstbestimmung.Demnach greifen einige Fragen so stark in das Persönlichkeitsrecht des Bewerbers ein, dass sie unzulässig sind.

Zudem können Vorstellungsgespräch-Fragen unzulässig sein, weil sie geschützte Bewerbergruppen benachteiligen und der Arbeitgeber damit gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG, oft auch als Antidiskriminierungsgesetz bezeichnet) verstoßen würde.

 

Bekannteste aller unzulässigen Fragen im Vorstellungsgespräch: Schwangerschaft

 

Die wohl bekannteste aller unerlaubten Vorstellungsgespräch Fragen ist die nach der Schwangerschaft einer Bewerberin. Diese Frage ist in allen denkbaren Situationen unzulässig und darf sogar falsch beantwortet werden.

 

Wie darf ich auf unzulässige Fragen im Vorstellungsgespräch reagieren ?

 

Dies gilt im übrigen für alle unzulässigen Fragen beim Vorstellungsgespräch: Ist eine Frage unzulässig, hat der Bewerber das „Recht zur Lüge“. D.h., der Bewerber darf eine unerlaubte Frage bewusst falsch beantworten, ohne rechtliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Dieses Recht kommt daher, dass ein bloßes Recht des Bewerbers, unzulässige Fragen nicht zu beantworten, unzureichend wäre. Denn dann könnte der Arbeitgeber aus der Nichtbeantwortung seine Schlüsse ziehen und in der Regel auf diese Weise indirekt die gewünschte Information erlangen.

Wann sind Vorstellungsgespräch-Fragen unzulässig ?

Dabei ist es nicht immer einfach, zu beurteilen, ob eine Frage zulässig ist oder nicht. Denn die Zulässigkeit hängt grundsätzlich davon ab, wie wichtig die erfragte Information für den Arbeitgeber ist.

Als Faustregel gilt daher:

Je enger der Zusammenhang zwischen Frage und konkreter Tätigkeit ist, desto eher ist die Frage zulässig. Hinzu kommen muss, dass der Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse an dieser Information hat.

Je weniger die Frage mit der konkreten Tätigkeit zu tun hat, desto eher ist sie unzulässig.

 

Liste oft gestellter Vorstellungsgespräch-Fragen:

 

Die folgenden Fragen tauchen immer wieder im Zusammenhang mit dem Thema Vorstellungsgespräch oder Bewerbungsbogen auf. Ob sie zulässig sind, hängt in der Regel vom konkreten Einzelfall ab.
Frage nach Alter:
Diskriminierungen bei der Stellenbesetzung aufgrund des Alters sind nach dem AGG untersagt. Damit sind auch Fragen nach dem Alter grundsätzlich unzulässig. Ausnahmen können sich allenfalls aus § 10 AGG ergeben, wenn z.B. die berufliche Eingliederung von Jugendlichen oder älteren Beschäftigten gezielt gefördert werden soll oder wenn beispielsweise spezifische Ausbildungsanforderungen eines bestimmten Arbeitsplatzes (z.B. Pilot, Pflegeberufe) die Festsetzung eines Höchsteintrittsalters rechtfertigt.

Frage nach Krankheiten:
Die Frage nach Krankheiten muss nur beantwortet werden, wenn ein Zusammenhang mit der konkreten Tätigkeit besteht. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn durch die Art oder Intensität der Krankheit die Eignung des Bewerbers für den jeweiligen Arbeitsplatz fraglich ist, weil z.B. der Dienst nicht rechtzeitig aufgenommen werden kann oder es voraussichtlich zu häufigen oder lang anhaltenden Krankheitsausfälle kommen wird. Oder, wenn eine Ansteckungsgefahr für Kunden oder andere Mitarbeiter droht.

Frage nach Arbeitserlaubnis:
Die Zulässigkeit der Frage nach einer Aufenthalts-und Arbeitserlaubnis eines ausländischen Bewerbers ist in aller Regel zulässig, weil die Beschäftigung eines ausländischen Arbeitnehmers ohne die entsprechende amtliche Erlaubnis gem. § 4 Aufenthaltsgesetz verboten ist und der Arbeitgeber sich Klarheit über ein etwaiges Beschäftigungsverbot verschaffen können muss.

Frage nach Behinderung:
Erlaubt ist die Frage nach einer Behinderung nur, wenn das Vorliegen einer bestimmten Behinderung die Ausübung der konkreten Tätigkeit wesentlich beeinträchtigt oder unmöglich macht und damit eine wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung gem. § 8 AGG darstellt. Ab wann eine wesentliche und entscheidende berufliche Anforderung vorliegt, kann nicht eindeutig gesagt werden. Dies hängt von der konkreten Tätigkeit und der jeweiligen Behinderung ab.

Frage nach einer Gewerkschaftszugehörigkeit:
Die Frage nach einer Gewerkschaftszugehörigkeit des Bewerbers ist nach Art. 9 Abs. 3 GG stets unzulässig.

Frage nach einer Schwangerschaft:
Die Frage nach einer Schwangerschaft ist immer unzulässig. Dies gilt auch dann, wenn die in Aussicht genommene Stelle aufgrund der Schwangerschaft überhaupt nicht angetreten werden kann.

Frage nach Vorstrafen und Verlangen eines amtlichen Führungszeugnisses:
Der Arbeitgeber darf ein Führungszeugnisses, das Aufschluss über etwaige Vorstrafen gibt, nicht verlangen, weil sich hieraus auch Vorstrafen ergeben können, die nichts mit dem angestrebten Arbeitsverhältnis zu tun haben.
Die Frage nach Vorstrafen ist jedoch dann erlaubt, wenn nach Straftaten gefragt wird, die einen konkreten Bezug zur angestrebten Tätigkeit haben und für die Vergabe des konkreten Arbeitsplatzes relevant sind. So darf ein Kassierer zwar nicht nach Vorstrafen aus Verkehrsdelikten gefragt werden, wohl aber nach Vermögensdelikten wie etwa Unterschlagung. Ein Berufskraftfahrer hingegen darf sehr wohl nach Vorstrafen aus Verkehrsdelikten gefragt werden.

Frage nach den wirtschaftlichen Verhältnissen oder nach Pfändungen:
Die finanziellen Verhältnisse eines Bewerbers berühren eigentlich seine Privatsphäre. Fragen hierzu sind daher grundsätzlich unerlaubt. Auch Fragen nach frühren Lohnpfändungen bei anderen Arbeitgebern sind in der Regel nicht erlaubt.
Ausnahmen können sich jedoch ergeben bei Führungskräften mit besonderer Vertrauensstellung oder finanzieller Verfügungskompetenz und bei Mitarbeitern mit Zugang zu Geld oder zu wertvollen Warenbeständen des Arbeitgebers oder von Kunden. Das können z.B. sein: Buchhalter, Kassenpersonal, Einkäufer, Lagermitarbeiter und andere Beschäftigte mit direkter wirtschaftlicher Verantwortung.